Spezialist oder Generalist? Patienten brauchen beide Ärzte
Düsseldorf, 22. September 2011. Müssen Patienten bald viele Kilometer weit in eine Großstadt fahren, um an der Lunge operiert zu werden? Oder wird es auch in Zukunft noch Chirurgen in Krankenhäusern auf dem Land geben, die Lungenkrebs behandeln können? Das sind zwei zentrale Fragen, die derzeit bei den Thoraxchirurgen diskutiert werden und im Gesundheitssystem für Zündstoff sorgen. „Für Spezialisten und Generalisten" lautet daher der Titel der 20. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Thoraxchirurgie (DGT), die vom 22. bis 24. September bei der Kaiserswerther Diakonie im und um das Hotel MutterHaus in Düsseldorf stattfindet. Rund 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden zum Kongress erwartet, 42 medizinische Unternehmen präsentieren sich in der begleitenden Ausstellung.
20. DGT-Jahrestagung zum Jubiläum in Kaiserswerth
„Ich freue mich, dass wir im Jubiläumsjahr der Kaiserswerther Diakonie die 20. Jahrestagung der noch relativ kleinen aber feinen Fachgesellschaft hier in Kaiserswerth haben", so Prof. Dr. Karl-Heinz Schultheis, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- , Thorax- und Endokrine Chirurgie am Florence-Nightingale-Krankenhaus der Kaiserswerther Diakonie, der die Veranstaltung nach Düsseldorf geholt hat. Als Kongress-Präsident hat er das Programm mit entwickelt. Drei Tage lang stehen Vorträge, Workshops und Diskussionen zu aktuellen Themen rund um die Thoraxchirurgie auf dem Programm.
Errungenschaften der DGT in 20 Jahren
„Der Gesellschaft ist es gelungen, dass die Thoraxchirurgie seit einigen Jahren auch als selbständiger Facharzt in der Weiterbildungsordnung anerkannt ist", erläutert der DGT-Präsident Prof. Dr. Godehard Friedel die Errungenschaften der Fachgesellschaft, die in Düsseldorf ihr 20-jähriges Bestehen begeht. In den letzten Jahren zeichnete sich die Spezialisierung der Ärzte laut Prof. Friedel deutlich ab: „Die Techniken der Thoraxchirurgie haben sich weiterentwickelt und es ist heute nicht mehr möglich, die Thoraxchirurgie „nebenbei" verantwortlich zu betreiben. Der Patient hat den Anspruch, von Fachärzten für Thoraxchirurgie behandelt zu werden, die alle möglichen Techniken der Organschonung und der radikalen, zum Teil auch organübergreifenden, Resektionen beherrschen. Dies ist nur möglich, wenn genügend Eingriffe von den einzelnen Operateuren vorgenommen werden können."
Chirurgen-Ausbildung fördert Spezialisten
Das derzeitige Ausbildungssystem im Bereich der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie beruht auf dem so genannten Säulenprinzip, bei dem nach einer kurzen Basisausbildung bereits mit der Spezialisierung begonnen wird. „In wenigen Jahren wird dies dazu führen, dass sich die frühere breite Ausbildung der Generalisten zu Gunsten der Spezialisten verändert und größere Kliniken in der Zusammenarbeit mehrerer Spezialisten die Versorgung unserer Patienten übernehmen werden", prognostiziert Prof. Schultheis. Er selbst zählt sich zu der Gruppe der Generalisten, die es in Zukunft wohl nicht mehr geben wird.
Patienten brauchen Spezialisten und Generalisten
Die Notwendigkeit von Generalisten in der Thoraxchirurgie bringt Dr. Holger Stiller, Vorstand der Kaiserswerther Diakonie und Direktor des Florence-Nightingale-Krankenhauses, auf den Punkt: „Gerade im ländlichen Raum, d.h. in Flächenländern wie etwa in Bayern oder Mecklenburg-Vorpommern, muss die Versorgung von Patienten mit Lungenkrankheiten sichergestellt werden. Um dies zu gewährleisten, benötigt unser Gesundheitssystem auch weiterhin Generalisten, die auch in Zukunft bis zu einem bestimmten Krankheitsstatus die Bevölkerung wohnortnah und mit hoher Qualität behandeln können. Wenn sich die Ausbildung der Ärzte aber weiterhin spezialisiert, wird in Zukunft eine wohnortnahe und qualitativ hochwertige Versorgung der Vergangenheit angehören. Ein Gesundheitstourismus ist vorprogrammiert", ist sich der Krankenhausdirektor sicher. Er plädiert wie viele Ärzte dafür, dass es auch in Zukunft Generalisten und Spezialisten nebeneinander gibt. Gerade in Ballungsräumen wird es nämlich in Zukunft spezialisierte Zentren geben, um im Wettbewerb unter den Krankenhäusern bestehen zu können. „Unter ökonomischen Gesichtspunkten trägt sich zum Beispiel ein Lungenzentrum auf Dauer nur, wenn hier auch viele Patienten behandelt werden. Die für ein Zentrum notwendigen Infrastrukturkosten sollten zukünftig in der Vergütung noch mehr Berücksichtigung finden", so Dr. Stiller, der selbst als Chirurg zum Generalisten ausgebildet worden ist.
Entwicklung von Organzentren
Die Kaiserswerther Diakonie betreibt mit dem Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf nach der Uniklinik das zweitgrößte Krankenhaus, ist aber im Rhein-Ruhr-Raum umgeben von vielen Mitbewerbern. „Auch wir setzen auf Zentrenbildung", erklärt Dr. Stiller. So zählen zu dem Krankenhaus bereits vier Organzentren, nämlich das Gynäkologische Krebszentrum, das Darmkrebszentrum, das Brustzentrum Rhein-Ruhr sowie das regionale Traumazentrum. Im nächsten Jahr soll auch das Lungenzentrum zertifiziert werden. In der Fachklinik für Thoraxchirurgie werden jährlich etwa 300 Patienten operiert. Dabei arbeiten die Chirurgen mit der Fachklinik für Pneumologie Hand in Hand.
Einschätzung der Zentrenbildung seitens der DGT
Die Spezialisierung und die damit verbundenen Infrastrukturmaßnahmen werden auch nach Meinung des DGT-Präsidenten dazu führen, dass es ähnlich wie in der Herzchirurgie zu einer Konzentration der Patienten in Thorax- und Lungenzentren kommen wird. In Kooperation mit den Thoraxzentren kann die thoraxchirurgische Grundversorgung in größeren Kliniken mit mindestens einem Facharzt für Thoraxchirurgie vorgenommen werden. „Die Deutsche Gesellschaft für Thoraxchirurgie ist dabei die Voraussetzungen für solche Kooperationen zu schaffen", berichtet Prof. Dr. Friedel.
Sicht von Krankenkassen und Berufsverband als Festvorträge
Welche Brisanz „die Bedeutung von Generalisten und Spezialisten im Gesundheitssystem" im Hinblick auf die Finanzierung von Spezialisten und die Ausbildung junger Chirurgen hat, wird im Rahmen der Festvorträge am Freitagmorgen thematisiert. Wilfried Jacobs, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg wird die Sicht der Krankenkassen vorstellen. Hans-Peter Bruch, Präsident des Berufsverbandes der Deutschen Chirurgie, und Prof. Dr. Peter Kujath, Leiter der Klinik für Allgemeine Chirurgie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, werden die Sicht des Berufsverbandes verdeutlichen.
Lungenkrebs: ein zentrales Thema der Thoraxchirurgie
Neben Erkrankungen der Bronchien und funktionellen Erkrankungen etwa des Zwerchfells beschäftigt sich die Thoraxchirurgie überwiegend mit bösartigen Erkrankungen, vor allen Dingen mit Lungenkrebs, Rippenfelltumoren oder auch Absiedlungen anderer Tumoren in die Lunge. Die Behandlung von Lungenkrebs ist sicherlich das bekannteste Thema aus dem Fachgebiet der Thoraxchirurgen. In diesem Bereich gibt es zahlreiche neue wissenschaftliche Erkenntnisse, unter anderem zur Bewertung von minimal-invasiven Operationen gegenüber konventionellen Techniken, die auf der DGT-Jahrestagung vorgestellt werden.
Neue Erkenntnisse zur Behandlung von Lungenkrebs
Insbesondere beim Lungenkrebs stellt die Operation häufig die einzige Möglichkeit für eine langfristige Heilung dar. „Neue Untersuchungen zeigen, dass auch Patienten, die sich aufgrund schlechter Lungenfunktionsparameter keiner Operation hatten unterziehen können, nun ein operativer Eingriff angeboten werden kann. Hier liegen exakte Entscheidungsbäume vor, so dass das Operationsrisiko besser als früher abgeschätzt werden kann", erläutert Prof. Dr. Bernward Passlick, Vizepräsident und designierter Präsident der DGT. Der Chefarzt der Abteilung für Thoraxchirurgie an der Chirurgischen Universitätsklinik Freiburg weiter: „Für die Prognose von Patienten mit Lungenkrebs ist die Frage des Lymphknotenbefalls von entscheidender Bedeutung. Anlässlich der Jahrestagung in Düsseldorf werden erste Ergebnisse zur molekulargenetischen Analyse von Lymphknoten vorgestellt, die auch einen nur minimalen Tumorbefall eines Lymphknotens aufzeigen können, so dass der Patient eventuell einer ergänzenden Chemotherapie unterzogen werden kann, um die Prognose zu verbessern."
Weitere Themen des Kongresses
Neben der Krebstherapie geht es auf dem Kongress auch um Verletzungen und Entzündungen im Bereich des Brustkorbes. Weitere Themen sind Transplantations-, Kinderthoraxchirurgie sowie das Komplikationsmanagement. Insgesamt werden 91 Personen an dem Kongressprogramm als Vorsitzende oder Referenten mitwirken.
12. Pflegefachtagung am 22. September
Flankiert wird der Kongress von einer Pflegefachtagung am 22. September, zu der rund 250 Fachkräfte aus Fachkliniken für Thoraxchirurgie im Theodor-Fliedner-Saal des Florence-Nightingale-Krankenhauses erwartet werden. Veranstalter der mittlerweile 12. Pflegefachtagung ist die Arbeitsgruppe „Pflege und Therapeuten in der Thoraxchirurgie (PTT)". Das Programm orientiert sich inhaltlich am Kongressthema, d.h. auch hier geht es um die Spezialisierung der Pflegekräfte und die Erwartungen der Patienten. Morgens stehen Vorträge und nachmittags Workshops auf dem Programm.
Bildzeilen (Fotos: Tanja Pickartz):
Tagungspraesident_Thoraxchirurgen-Kongress_2011:
Prof. Dr. Karl-Heinz Schultheis, Tagungspräsident der 20. DGT-Jahrestagung in Düsseldorf
ThoraxchirurgenKomgress_2011_Besprechung_Roent-genbild.jpg: Chefärzte der Pneumologie, Thoraxchirurgie und Radiologie des Florence-Nightingale-Krankenhauses im Gespräch über einen Patienten (v.l.): Dr. Rainer Kappes, Prof. Dr. Karl-Heinz Schultheis und Dr. Hans Bartel
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