Kaiserswerther Markt

Die Sanierung des Kaiserswerther Marktes – eine Never-ending-Story?

Teil 1: Wie sind wir hierhin gekommen?

Vor fast genau 16 Jahren hat die Stadt Düsseldorf ein „Entwicklungskonzept Kaiserswerther Markt“ vorgestellt. Einige der dort vorgeschlagenen Maßnahmen wie etwa die Umgestaltung des Bereiches um die Haltestelle wurden im Verlauf der Jahre umgesetzt. Vieles mehr ist dagegen bis heute liegengeblieben, darunter auch die schon damals dringliche Sanierung des Marktes. Dieses Thema ging die Stadt erst zehn Jahre nach dem Bericht wieder an. Schon fast überraschend fand sich 2016 ein allseits akzeptierter Kompromiß, der vor allem die Anlieger hoffen ließ, es werde nun endlich etwas geschehen. Doch dann trat die Denkmalschutzbehörde auf den Plan.

Der alte Ortskern von Kaiserswerth ist ein historisches Kleinod, das es zu schützen gilt; darüber besteht allenthalben Einigkeit. Bereits 1988 stellte die Stadt deshalb nahezu den gesamten Bereich innerhalb der alten Festungsmauern unter Denkmalschutz, im Wesentlichen fußend auf einer Stadtbildanalyse, die der Architekt Prof. Dr. Spohr erarbeitet hatte. Die entsprechende Satzung gilt nach wie vor. Zwei der Festsetzungen der Satzung spielen für das Verständnis der derzeitigen Situation am Markt eine herausragende Rolle: zum einen der Schutz des Umrisses des Marktes, zum anderen jener des unter dem Markt vermuteten Bodendenkmals. Daraus resultieren Konflikte, auf die später noch zurückzukommen sein wird.

Das eingangs erwähnte Entwicklungskonzept entstand einige Jahre nach Erlaß der Denkmalschutzsatzung. Die mit seiner Aufstellung beauftragten Büros betrachteten nicht nur sehr ausführlich Stadtbild, Verkehr und etliche andere Aspekte, sondern auch Wünsche und Interessen der Bürger, gleich ob Anwohner oder Besucher. Ihre Ergebnisse mündeten in von der Stadt formulierten Handlungsempfehlungen. Für den Markt lautete eine der wichtigsten:

Handlungsempfehlung:
Die Gewährleistung der Erreichbarkeit der Nutzungen im Ortskern von Kaiserswerth ist eine der zentralen Voraussetzungen und Bedingungen zur Sicherung der vorhandenen Nutzungsmischung. Die Befahrbarkeit  des Ortskerns sollte daher während der Geschäftszeiten uneingeschränkt erhalten bleiben.

(Quelle: Entwicklungskonzept Kaiserswerth, Juni 2004, S. 32; https://www.museum-kaiserswerth.de/wp-content/uploads/2012/02/KwEntwicklungskonzept2004.pdf)

Während an anderer Stelle Teile des Konzeptes realisiert werden konnten, geschah am Markt nichts. Erst im Jahr 2014 griff die Stadt Düsseldorf das Projekt einer Umgestaltung wieder auf, nachdem sich der Zustand des Marktes immer weiter verschlechtert hatte.

Als Favorit kristallisierte sich schließlich die sog. „Variante 4“ heraus, die in der Beschlussvorlage 66/63/2016 wie folgt umrissen wurde:

Geplant ist die von der Bezirksvertretung 5 am 29.09.2015 beschlossene Umsetzung des Grundkonzeptes („Variante 4“), das aus der Bürgerbeteiligung 2014 zu den Themen „Verkehr“ und „Nutzungskonzept“ hervorgegangen ist.

Das Grundkonzept beinhaltet folgende Punkte:

  • Mittelinsel erhöht als nachhaltige Maßnahme gegen Wildparken mit punktuellen Absenkungen für die Gehbehinderten,
  • Fahrbahn und Gehweg höhengleich und durch Parkstände getrennt,
  • Baumpflanzungen und Außengastronomie auf der Mittelinsel,
  • Befahrbarkeit für Pkw beibehalten i.V.m. Maßnahmen zur Optimierung des Parkens (noch zu definieren; unter Berücksichtigung der verschiedenen Nutzergruppen),
  • temporäre Sperrungen für Veranstaltungen.

In zeichnerischer Darstellung sollte das so aussehen:

 

Damit war klar, dass die wesentlichen Gestaltungsmerkmale des Marktes, die seinen denkmalgeschützten Umriss prägen, unangetastet bleiben würden: zwei Fahrbahnen nebst Gehwegen, getrennt durch eine erhöhte Mittelinsel. Bezüglich der Verkehrsraumbewirtschaftung lehnte sich die Beschlussvorlage weitgehend an die Empfehlungen aus dem Entwicklungskonzept von 2004 an. Die Bauzeit schätzte die Verwaltung auf ca. 24 Monate, wobei in der Schätzung bereits eine gewisse „Reserve“ für etwaige Sicherungsmaßnahmen am Bodendenkmal unter dem Markt enthalten war.

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs für jene, die mit der Historie nicht so vertraut sind: es gibt eine Reihe von Leuten, die – wie andere nach dem Bernsteinzimmer oder dem Nazi-Goldzug – nach Resten des 1702 zerstörten Rathauses suchen. Das Rathaus stand alten Unterlagen zufolge am westlichen (dem Rhein zugewandten) Ende des Marktes. Alle bisherigen Grabungen sind ergebnislos geblieben, aber allein die Hoffnung, es könne sich doch noch etwas finden, fand ihren Niederschlag auch in der zitierten Beschlussvorlage:

Die untere Denkmalbehörde schlägt vor, bereits im Vorlauf zur Baumaßnahme abschnittsweise Ausgrabungen durchzuführen, um den Bauablauf zu entlasten. Hierfür sind ggf. vorzeitige Baumfällungen auf der Mittelinsel erforderlich. Die Einholung der hierfür erforderlichen Grabungsgenehmigungen wird voraussichtlich eine förmliche Unterschutzstellung der Bodendenkmäler zur Folge haben, mit Auflagen für die Planung (z.B. bezüglich künftiger Baumpflanzungen) sowie einem Erhaltungsvorbehalt („Auftretende Baubefunde sind zu erhalten und nur mit Zustimmung des LVR- Amtes für Bodendenkmalpflege und der Unteren Denkmalbehörde zu verändern oder zu beseitigen“).    

In der Folgezeit trieb die Stadtverwaltung die Planungen voran und vereinbarte mit dem Landschaftsverband Rheinland als zuständiger Denkmalschutzbehörde, dass Suchschachtungen durchgeführt werden sollten. Die Schachtungen sollten dazu dienen, den Umfang der Sicherungsmaßnahmen zu definieren, die vor einer Beseitigung geschützter Bodenschichten durch die Sanierungsarbeiten am Markt erfolgen müssten. Damit nahm das Unheil seinen Lauf.

Angeblich brachten die Schachtungen zuhauf schützenswerte Dinge ans Licht – allerdings wieder keine echten Hinweise auf das Rathaus. Der Einfachheit halber sei die Beschlussvorlage BV5/042/2019 zitiert, mit der das derzeit wegen der Corona-Krise unterbrochene Workshop-Verfahren auf den Weg gebracht wurde:

Aufgrund zahlreicher Hinweise auf Bodendenkmäler (altes Rathaus, Rheintor, jahrhundertelange Marktnutzung) wurden ab März 2016 umfangreiche archäologische Untersuchungen durchgeführt. Das Ergebnis im April 2018 zeigte, dass flächendeckend und oberflächennah archäologisch wertvolle Kulturschichten vorhanden sind. Aus dem parallel beauftragten Baugrundgutachten wurde ersichtlich, dass aufgrund der außergewöhnlich schlechten Tragfähigkeit des Untergrundes ein weit stärkerer Oberbau erforderlich ist als üblich. Wird dies nicht umgesetzt, kann es bereits nach wenigen Jahren zu Bauschäden kommen. Hieraus ergeben sich zwangsläufig Eingriffe in das Bodendenkmal von ca. 40 cm auf der gesamten Fläche. Im November 2018 stellte die Verwaltung den Denkmalbehörden das Projekt sowie alle bisherigen Bemühungen zur Eingriffsminimierung (z.B. Beibehaltung der heutigen Kanaltrasse, Einbau Geotextil) vor, mit folgendem Ergebnis: Nach Aussage des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) sind zwar umfassende Auflagen zu erwarten (Untersuchung und Dokumentation für die gesamte betroffene Fläche), aber keine grundsätzliche Versagung der Genehmigung. Allerdings führen die erwähnten Auflagen zu Mehrkosten (mindestens 800.000 €) und einer längeren Bauzeit (ca. 1 ½ Jahre für vorlaufende und begleitende archäologische Grabungen).

Der letzte Satz des Zitates birgt den Sprengstoff, und das gleich doppelt. Die Stadt schätzt eine Verlängerung der Bauzeit von etwa 18 Monaten durch die denkmalsichernden Maßnahmen, eine Schätzung, an der erhebliche Zweifel bestehen, wenn man betrachtet, dass schon die im Vergleich minimalen Voruntersuchungen über zwei Jahre in Anspruch genommen haben. Realistisch dürften eher um die vier Jahre sein, was die Gesamtbauzeit auf ca. sechs Jahre steigen lässt – wohlgemerkt bei im Übrigen störungsfreien Verlauf. Das zweite Päckchen Sprengstoff steckt in den erwarteten Mehrkosten, die die Stadt nicht alleine stemmen kann; was, am Rande bemerkt, vor dem Hintergrund der bei immerhin über € 3,7 Mio liegenden Kostenschätzung aus dem Jahre 2016 doch nicht recht nachvollziehbar erscheint. Das Bemühen um die Erschließung anderer Geldquellen führte zu einer „Bombenidee“ – Zitat aus der Beschlussvorlage BV5/042/2019:

Im Dezember 2018 trafen sich die Bezirksvertretung und verschiedene Protagonisten vor Ort mit dem Heimatministerium als möglichem Fördergeber. Zu diesem Treffen hatte der Bezirksbürgermeister eingeladen. Dabei wurde seitens des Heimatministeriums als Fördervoraussetzung ein “innovativer Entwurf im Sinne der verkehrsarmen Stadt von morgen” angeregt. Damit verbunden war ein klares Votum des Fördergebers gegen den Beibehalt eines Konzeptes im Sinne einer autogerechten Stadt. Der Hinweis galt einer grundsätzlichen zukunftsfähigen Verkehrslösung und einem attraktiven öffentlichen Raum. Dazu ist anzumerken, dass aufgrund der in der Umgebung vorhandenen Einbahnstraßen und teilweise sehr engen Gassen ein kompletter Ausschluss des fahrenden Kfz-Verkehrs am Kaiserswerther Markt nicht möglich ist. Dies gilt vor allem für die Fliednerstraße, aus welcher der Verkehr weiterhin über den Kaiserswerther Markt in Richtung An Sankt Swidbert abfließen muss. Außerdem müsste der Lieferverkehr auch künftig in beide Richtungen ermöglicht werden, da die Fliednerstraße für größere Fahrzeuge zu eng ist. Ob eine solche, nicht vollständige Verkehrsreduzierung dem Heimatministerium noch als förderwürdig erscheint, müsste anhand eines konkreten, noch zu erstellenden Entwurfes abgestimmt werden. Dennoch gibt es keine Garantie, dass das Projekt letztendlich tatsächlich Fördergelder erhält. Dies hängt davon ab, wie sich die finanzielle Situation bezüglich der Fördertöpfe und die Förderkulisse insgesamt im Jahr der Antragstellung (ein Jahr vor Baubeginn) darstellen.

Grundlage für das Workshopverfahren, das mit dem Beschluss der BV 5 angestoßen wurde, waren folglich vorzugsweise Gestaltungsvarianten, die den motorisierten Verkehr am Markt radikal einschränken. Die Stadt stellte diese Varianten im Internet vor, nachzulesen hier:

https://www.duesseldorf.de/fileadmin/Amt66/verkehrsmanagement/pdf/Raeume_und_Plaetze/20-03-24_Vorab-Info_OEffentlichkeit_web_bf_neu.pdf

Seitdem steht das Projekt wieder einmal still. Der Markt verkommt weiter, auch wenn die Stadt dem Vernehmen nach kurzfristig für eine temporäre Begrünung sorgen will, um den verheerenden Eindruck ein wenig zu mildern.

WARUM WIR, DIE ANLIEGER VOM MARKT, WEDER MIT DER ZU ERWARTENDEN BAUZEIT NOCH MIT DER VERDRÄNGUNG DES VERKEHRS VOM MARKT LEBEN KÖNNEN, LESEN SIE IN TEIL 2 – SOVIEL VORAB: MIT GROSSER SICHERHEIT WÄRE ES FÜR VIELE DAS ENDE! DIE AUS UNSERER SICHT EINZIGE SANIERUNGSVARIANTE, DIE ALLEN INTERESSEN AM EHESTEN GERECHT WIRD, BESTEHT IN EINER „VERBESSERNDEN INSTANDSETZUNG“, BEI DER LEDIGLICH DIE MITTELINSEL EINEN NEUEN BELAG ERHÄLT UND DIE BÜRGERSTEIGE SOWIE DIE FAHRBAHNEN UNTER VERWENDUNG DES ALTEN BELAGES (PLATTEN UND KATZENKOPFPFLASTER) REPARIERT WERDEN.

Scroll to Top